Quelle: plus online - Die Zeitschrift der Universität Salzburg Nr. 4 - Juni 2000 Universität Salzburg, sandra.aitzetmueller@sbg.ac.at http://www.sbg.ac.at/plus/plus_4_98/gw/prometheus.html Schicksalsmythos des Abendlandes - Prometheus Ein "Schicksalsmythos des Abendlandes" ist, so der Philosoph Hans Georg Gadamer, der Prometheus-Mythos: Die Geschichte seiner Deutungen erzählen heißt also, die der abendländischen Menschheit erzählen. So betonte der Altphilologe Joachim Dalfen beim Symposium Begegnungen mit dem antiken Mythos, zu dem im Dezember ’97 die altertumswissenschaftlichen Institute in ihre neuen Räume in der Salzburger Residenz einluden. Lesen Sie hier eine gekürzte Fassung von Dalfens Referat: Prometheus steht für die Möglichkeiten des Menschen, mit seiner Intelligenz die Welt zu verändern, sowohl positiv wie auch negativ. Diese Ambivalenz des Prometheus gilt nicht nur für uns am Ende des 20. Jahrhunderts, sondern war von Anfang an angelegt. Prometheus ist kein Mensch. Sein Vater Iapetos gehört der Generation der Titanen an, wie Kronos, der Vater des Zeus, der gerade dabei ist, sich zum Herrscher im Olymp aufzuschwingen. So schreibt der Dichter Hesiod um 700 vor Christus. Prometheus stahl das Feuer vom Himmel und brachte es auf die Erde. Mit dem Feuer bereitet der Mensch seine Nahrung, schützt sich vor der Kälte, bearbeitet Holz und Metalle, um Geräte herzustellen. Doch vergeblich warnt Prometheus die Menschen vor Pandora und ihrer Büchse, aus der sich alle Krankheiten, Übel und Leiden über die Welt verbreiten. Der Mensch muß also dafür zahlen, daß er mit dem Feuer das Mittel in die Hand bekommen hat, die Natur für seine Zwecke und Bedürfnisse zu gestalten: Kultur und Zivilisation, Technik und Fortschritt haben ihren Preis. Pro- und Epimetheus Prometheus hat einen sprechenden Namen: er ist der "Vordenkende", der "Vorausdenkende". Sein Bruder Epimetheus ist der, der erst im nachhinein zu denken beginnt, wenn das Unglück schon passiert ist. Prometheus und Epimetheus gehören zusammen. Der Mythos macht also in den Brüdern zwei Seiten, Licht und Schatten ein und derselben Figur bewußt. 100 Jahre nach Hesiod nahm Aischylos den Prometheus-Mythos als Stoff seiner Tragödien. Erhalten ist der "Gefesselte Prometheus": Prometheus, an die Felsen des Kaukasus geschmiedet, leidet, aber er fügt sich nicht. Er weiß, daß am Ende Zeus wird nachgeben müssen. Der Wissende trotzt dem höchsten Gott, das Geistige leistet der brutalen tyrannischen Gewalt Widerstand. Damit hat Aischylos das zum Ausdruck gebracht, was wir im engeren Sinn als das "Prometheische" bezeichnen: die Auflehnung des Geistes gegen jede Unterdrückung. Der Prometheus des Aischylos ist der Kulturbringer, der den Menschen zu einem geistigen Wesen und zum Herrn über die belebte und unbelebte Natur gemacht hat. Von ihm als Erschaffer des Menschen aus Wasser und Erde spricht zuerst ausdrücklich Ovid in den Metamorphosen. Aber die Vorstellung muß älter sein. Bereits in Gedichten aus der Zeit des Hellenismus findet sich der symbolische Bezug auf die Tätigkeit des Malers und Bildhauers. Diese Beziehung zwischen dem Menschenschöpfer Prometheus und dem Künstler als einem zweiten Schöpfer wird in der Zeit der Renaissance eine ganz große Rolle spielen. Schöpfer - Künstler Die frühen Christen konnten neben dem biblischen Schöpfergott keinen anderen gelten lassen, der den Menschen aus Lehm und Wasser nach dem göttlichen Bilde geformt hat. Nach Laktanz war Prometheus deshalb "nur" ein Künstler, ein Schöpfer lebensechter Figuren. Diese große Kunst habe die Menschen zum Götzendienst der Bilderverehrung verführt. Augustinus versuchte, den Prometheus zu entmythologisieren. Er sei nicht Menschschöpfer, sondern der beste Lehrer der Weisheit gewesen. Damit öffnet er - sicher ungewollt - für die Deutung der Prometheusgestalt eine neue Dimension, die der "Bildung" des Menschen. Im Mittelalter wird daraus ein Programm: Mit dem Feuer des Geistes macht Prometheus "aus rohen Klötzen gebildete Menschen". Diese Vorstellung findet sich bei mehreren Autoren des 12. Jahrhunderts. So etwa bei dem englischen Theologen, Naturforscher und Dichter Alexander Neckam, der ein Bildungssystem entwickelte, in dem Bibelstudien, Grammatik, christliche Lehre und antike Ethik miteinander verbunden sind. Nach ihm versuchte Giovanni Boccaccio aus den Trümmern der Überlieferung der antiken Mythologie wieder ein Ganzes zu machen. Neckam wie auch Boccaccio sehen sich jeweils als neuer Prometheus, insofern daß sie "die Flamme, die Klarheit der Lehre, in die Brust des unwissenden Menschen hineinlegen". Auflehnung gegen Unterdrückung Im 18. und im frühen 19. Jahrhundert rückten wieder die Prometheischen Aspekte des Prometheus in den Vordergrund. Der menschenfreundliche Titan wurde in den Zeiten der Aufklärung, des Sturm und Drangs und der Romantik zum Symbol der Auflehnung gegen jede Art von unterdrückender Obrigkeit, ob weltlich, staatlich, kirchlich oder göttlich. Man rüttelt an den Ketten, welche den Geist und die Kreativität fesseln. Damit kommt auch der leidende Prometheus wieder in den Blick. All diese Elemente sind in Goethes Prometheus-Gedicht von 1773 versammelt und auch Goethe setzt sich mit Prometheus gleich. Er sieht den Menschen als Schöpfer seiner selbst. Die Erde ist sein, weil er sie gestaltet. Ein Zeichen für uns göttergleiche Sterbliche nennt George Byron seinen Prometheus. Prometheus schaut die Leiden der Menschen nicht verachtend an, wie es die Götter tun. Vorkämpfer gegen Unterdrücker ist Prometheus auch im Drama von Percy Bysshe Shelley. Friedrich Nietzsche knüpft an Aischylos an und nimmt Goethes Deutung des Prometheus auf: der Mensch, in´s Titanische sich steigernd, erkämpft sich selbst seine Kultur. An der Pforte jeder Kultur steht das Feuer, über das der Mensch frei verfügt. Das von Nietzsche verwendete Begriffspaar des Apollinischen und Dionysischen bezeichnet das Titanische in Prometheus. Die Psychoanalyse des 20. Jahrhunderts untersuchte den Wunsch des Menschen, das Feuer selbst kennenzulernen Prometheus-Komplex Bachelard spricht vom Willen zur Intellektualität. Und er bezeichnet alle Strebungen, die uns dazu drängen, noch mehr zu wissen als unsere Väter und Lehrer, als "Prometheuskomplex". Ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Welkrieges stellte der französische Philosoph Albert Camus die Frage: "Was bedeutet uns heutgigen Menschen Prometheus?" Er meint, daß dieser Rebell, der sich gegen die Götter aufbäumt, das Vorbild des heutigen Menschen sei, aber er fürchtet zugleich, daß wir noch taub sind für den großen Schrei der menschlichen Revolte, für die Prometheus das Signal gegeben hat. Prometheus habe die Menschen genügend geliebt, um ihnen zugleich das Feuer und Freiheit, Technik und Kunst zu schenken. Aber die heutige Menschheit – sagte Camus 1946 – erstrebe einzig das Technische. "Der heutige Mensch verrät Prometheus, indem er sich von seiner eigenen Geschichte Tag für Tag mehr in die Knechtschaft drängen läßt." (Camus) Am Ende des 20. Jahrhunderts ist Prometheus immer noch in vielfacher Weise gegenwärtig. Er steht als Symbol für den Fortschritt der Technik und der Zivilisation und für den Aufstieg des Menschen zu immer höheren Stufen des Bewußtseins. Das Feuer wird gedeutet als das Mittel zur Lebensbewältigung und zur Entwicklung der in Menschen angelegten technischen Fähigkeiten. Es wird optimistisch vom Menschen als dem neuen Prometheus gesprochen, dem eine weitere Evolution seiner Intelligenz bevorsteht. Andererseits bezeichnete der Pädagoge Horst Siebert vor einigen Jahren Prometheus als ein Symbol der menschlichen Hybris. Er sei der Prototyp des "homo faber", der die Natur wissenschaftlich erforscht, manipuliert, beherrscht und letztlich zerstört. Der albanische Schriftstller Ismail Kadare schließlich hat wie viele vor ihm die Zweifel des Prometheus beschrieben: War es richtig, was er für die Menschen getan hat? Haben die Menschen es verdient, daß er sich für sie eingesetzt hat und für sie leidet? Was haben die Menschen aus dem gemacht, was er ihnen gebracht hat? Doch auch zu Kadares Prometheus gehört die philanthropia. So ist Prometheus wieder Symbol für Menschenliebe, gerechte Ordnung und "der Erde uralt beschworenes Recht". "Es ist gut", so Dalfen, "wenn wir, Geschöpfe des Prometheus, uns dieser Wesenszüge in unserer Zeit bewußt werden."